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Der eine, der auszog, um die Griechen zu besiegen

"Die Perser" von Aischylos im Wiener Akademietheater

Wien, Akademietheater. Ich kann selbst kaum glauben, wie sehr ich mich darauf freue, Aischylos‘ „Die Perser“ zu sehen. Das Drama spielt in einer Stadt namens „Susa“ – das klingt entweder wie mein halber Name, oder wie mein Name mit einem „a“, statt dem „i“, oder wie mein Kürzel bei der Schülerzeitung. Das freut mich schon, dass mich bereits die Griechen 472 vor Christus in Ehren gehalten haben. 472 vor Christus, das ist ganz schön lange her – kein Wunder also, dass „Die Perser“ laut Programmheft den Grundstein der europäischen Theatergeschichte gesetzt haben. Das scheint auch das Wiener Publikum anzuerkennen – das Theater ist fast so voll, wie beim letztjährigen „Dorian Gray“, und der war zur Hälfte ein Kinofilm. So viele Menschen im Publikum sitzen, so wenige stehen auf der Bühne. Zwei, um genau zu sein, und mit wenigen Ausnahmen wird das für die nächsten eineinhalb Stunden so bleiben. Der „Chor“ – bestehend aus einem älteren Herrn – erzählt vom Heer der Perser, das unter König Xerxes nach Griechenland gezogen ist. Man ist absolut siegessicher, das versichert er auch Xerxes Mutter Atossa. Bald aber trifft ein Bote mit schlechten Nachrichten ein: Das persische Heer ist fast zur Gänze gefallen. Mutter, Chor, der von den Toten kurzfristig auferstandene Vater Xerxes‘ und der Bote klagen gemeinsam über den Untergang, dazwischen schwingt immer wieder ein Staub aufwirbelndes Beton-Tor hin und her. Überlebt hat unter anderem König Xerxes, der beschämt und blutverschmiert zu seiner Mutter zurückkehrt und in ihrem Schoß zusammenbricht.

Copyright Reinhard Werner/Burgtheater

Was ich dazu sage?

Schon klar, das Stück ist alt. Das dürfte einem Großteil des Publikums spätestens entweder bei Lektüre des Titels (Fun Fact – „Persien“ als Land gibt es schon länger nicht mehr) oder des Namens des Autors klargeworden sein (der hat nämlich keinen Nachnamen, das heißt, er ist entweder antik oder ganz ausgesprochen innovativ). Wäre das Stück kein Stück, sondern eine Tonscherbe, wäre es schon längst unter Sand verschüttet, wieder ausgegraben und in einem Museum ausgestellt worden. Immerhin schafft es Regisseur Michael Thalheimer, mit seiner Inszenierung stark an ein Museum zu erinnern. Wenig Bewegung, viel Schweigen und ernste, farblose Erzähler. Einzig Atossa sticht, mit langer goldener Schleppe und tiefer, ausdrucksvoller Stimme, heraus. Bote und Chor ähneln in ihrem Auftreten mehr dem Toten Alt-König, als der leidenden Mutter. So steht sie also in der Mitte der Bühne, während die Männer in Schwarz- und Grautönen um sie herumschleichen und den etwas dubios übersetzten Text deklamieren, in dem Wörter wie „Scham“ neben Begriffen wie „Chef“ stehen. Nur Xerxes gönnt man die Erleuchtung mit Scheinwerfern und er bringt auch Erleuchtung für die Geschichte. Erst an einen Baby-Voldemort erinnernd – also weiß, blutig, sich windend – nimmt man ihm Schmerz und Enttäuschung ab. Wie zuvor zwei langgezogene Schreie des Boten geht Xerxes Auftritt durch Mark und Bein. Er tritt als Gescheiterter auf, als Mensch, der anscheinend das Hauptziel seiner Existenz verfehlt hat. Dabei braucht er gar nicht zu sagen, „Krieg ist böse, Kinder“, sondern nur selbst wie ein Kind in die Arme seiner Mutter zu flüchten, um mir die eigentliche Klischeebotschaft unerwartet nahe gehen zu lassen.

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