Annikmon

„Joker“ – eine etwas verspätete Film-Review

(Achtung: Der folgende Artikel verrät zwar nicht allzu viel, enthält als Review aber natürlich kleine Spoiler. Falls ihr – im Gegensatz zu mir – nicht spoilerimmun seid und den Film noch nicht gesehen habt, überlegt euch gut, ob ihr weiterlesen wollt oder nicht.)

Ich weiß, dass ich damit gleich bei sämtlichen Marvel- und DC-Verehrer*innen Empörung auslösen werde, aber: Ich bin wirklich kein Fan von Superhelden-Filmen. Für mich sind das schlichtweg Actionfilme mit einer übernatürlichen Komponente in Form von irgendeiner Basic-Superkraft, in denen den Helden dauernd zugejubelt wird, obwohl sie gerade die halbe Stadt demoliert haben, weil sie den Bösewicht natürlich nur in einem epischen Kampf den Garaus machen konnten. Interessanterweise finde ich ebendiese „Bösewichte“ dafür umso interessanter. Zwar habe ich in meinem Leben noch nie einen Marvel- oder DC-Comic gelesen (*weitere Welle der Empörung*), jedoch bin ich leidenschaftliche Leserin sämtlicher Wikipedia-Eintragungen, die das Thema „Comic-Bösewichte“ behandeln und würde mich daher als auf diesem Gebiet doch recht bewandert bezeichnen. Meine Favoritin: Harley Quinn aus dem DC-Universum – knapp gefolgt von ihrem Liebhaber, dem „Joker“.

Letzterer sollte dem*der geneigten Leser*in mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Form bekannt sein: der psychopathische Mörderclown, der praktisch zum Gesicht aller Comic-Antihelden geworden ist. Seit seiner Ersterwähnung im Jahr 1940 hat er auch schon so einiges durchgemacht: Manchmal ist er in einen Behälter mit Chemikalien gefallen, was seine Erscheinung entstellt hat, manchmal hat ihm aber auch sein eigener Vater ein Lächeln ins Gesicht geschnitten. Ein eigentlich immer gleich bleibendes Merkmal des Jokers ist – neben seinem clownigen Erscheinungsbild und seiner Mordlust – ein irres, irgendwie gackerndes Lachen, was im Laufe der Jahre schon von diversen Filmdarstellern auf verschiedenste Arten und Weisen interpretiert wurde. Beim bisher am höchsten gelobten Joker handelt es sich um die berüchtigte Darstellung durch Heath Ledger aus dem 2008 erschienenen Batman-Film „The Dark Knight“. Allerdings – und hier beginnt endlich der eigentliche Text – ist im Oktober ein Film in den Kinos erschienen, der – so ganz dramatisch gesagt – unser bisheriges Bild vom Joker für immer verändern könnte. Kreativer Titel des Films: „Joker“. Und aufgrund meiner Liebe zum Bösen und der Tatsache, dass der Joker in „Suicide Squad“ irgendwie eine Enttäuschung war, stand für mich völlig fest: Ich muss diesen Film sehen.

Man hat die Werbung hinter sich, die Lichter am Rand des Kinosaals sind ausgegangen, der Film beginnt. Nur wenige Sekunden sind vergangen, schon steht fest: Okay, da stimmt etwas nicht. Auf der Leinwand zu sehen ist ein Mann, der sich in einer leicht heruntergekommen wirkenden Garderobe befindet. Er ist nicht alleine dort, am Rand sind einige Männer beim Kartenspielen zu sehen, man hört leises Stimmengemurmel und ein Radio, dennoch liegt der Fokus klar auf ihm. Der Mann sitzt einsam vor einem Spiegel und schminkt sich zum Clown. Er sieht verhärmt und unglücklich aus, und dennoch ist er im Begriff, in die Rolle des lustigen Unterhalters zu schlüpfen, die ihm so überhaupt nicht zu stehen scheint. Der Mann versucht zu lächeln, doch es will ihm nicht so recht gelingen. Er steckt sich die Zeigefinger in die Mundwinkel und zieht seinen Mund mal nach oben, mal nach unten, während eine einzelne Träne an seiner Wange hinabrinnt. So lernen wir Arthur Fleck (gespielt von Joaquin Phoenix) kennen, den schlecht verdienenden Partyclown, der, obwohl schon längst erwachsen, mit seiner Mutter in einem ärmlichen Apartement im Gotham City der frühen 80er wohnt und an pathologischem Lachen leidet. Diese Störung, die ihn zu den unpassendsten Gelegenheiten in ungewolltes Gelächter ausbrechen lässt, führt zu häufigen Missverständnissen mit seinen Mitmenschen, was ihn zu einem einsamen, unglücklichen Außenseiter macht. Von seiner Mutter wird er dennoch „Happy“ genannt, denn sie ist der Meinung, ihr Sohn sei dazu geboren, die Leute zum Lachen zu bringen. Daher träumt Arthur seit seiner Kindheit davon, Stand-up-Comedian zu werden. Sein großes Vorbild ist der Fernseh-Comedian Murray Franklin (gespielt von Robert De Niro). Vielleicht sieht er in ihm auch eine Art Vaterfigur, denn einen echten Vater hat er nie gehabt. Über seine an ihm vollkommen uninteressierte Sozialarbeiterin bezieht er Medikamente, wir erfahren von einem früheren Aufenthalt in der Psychiatrie. Aufgrund seiner mentalen Probleme darf Arthur keine Waffe besitzen, da er aber häufig herumgeschubst und verprügelt wird, steckt ein Arbeitskollege ihm einen Revolver und Patronen zur „Selbstverteidigung“ zu.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt es, mit Arthur bergabzugehen. Er verliert seinen Job, nachdem er den Revolver zu seiner Arbeit im Kinderkrankenhaus mitgenommen hat. Durch Kürzungen verliert er auch seine Sozialarbeiterin und somit seinen Zugang zu Medikamenten. Er tritt zum ersten Mal als Comedian in einer Bar auf und wird daraufhin von seinem großen Vorbild Murray Franklin in dessen Show verspottet. Irgendwann bekommt man das Gefühl, dass all diese und viele weitere Schicksalsschläge etwas mit Arthur machen, sein Leben und seine Person langsam dunkler werden, als sie es ohnehin schon sind; seine Verwandlung zum Joker hat begonnen.

Nachdem ich diesen Überblick über die Handlung nun dramatisch beendet habe, kann ich endlich wieder meine eigene Meinung kundtun. Im Prinzip lautet diese: Wow. Der Film war für mich eigentlich kein Superschurkenfilm, sondern auf der einen Seite ein bewegendes Drama, welches mich als Zuschauerin tatsächlich Mitleid mit dem Joker verspüren ließ, und auf der anderen Seite ein packender Psychothriller, der mich mehrmals dazu brachte, die Hände vors Gesicht zu halten und vorsichtig durch die Finger zu linsen. Zweifellos am meisten dazu beigetragen hat natürlich die herausragende Leistung von Joaquin Phoenix als Joker. Ich habe selten einen Schauspieler gesehen, der so authentisch in eine Rolle schlüpfen und diese so glaubhaft erscheinen lassen kann. Es würde mich gar nicht wundern – haltet euch fest – wenn er den Joker selbst besser gespielt hätte als Heath Ledger (obwohl das wohl jede*r für sich entscheiden muss). Selbstverständlich hat aber auch Todd Phillips als Regisseur hervorragende Arbeit geleistet. Ihm ist es gelungen, den Film nicht zu einem der typischen Superhelden-Filme verkommen zu lassen, die ich so ungern mag. Sein „Joker“ kommt vollkommen ohne das Übernatürliche aus und ist vielmehr das Porträt eines sehr, sehr traurigen Mannes, dem irgendwann alles zu viel wird, als ein Film über einen Superschurken. Damit unterscheidet er sich nicht nur von anderen Filmen aus dem DC-Universum, sondern fordert auch eigentlich kein Vorwissen zu oder Interesse an jenem. (Zumindest nicht zwingend. Es gibt vielleicht ein paar Easter Eggs, die den Film für DC-Fans noch schmackhafter machen.)

Wie aus dem letzten Absatz hoffentlich hervorgeht, hat mir der Film wirklich gut gefallen. Vielleicht ist er sogar der beste Film, den ich im letzten Jahr überhaupt im Kino gesehen habe. In jedem Fall kann ich den Film nur an alle weiterempfehlen, die sich für die „Entstehung des Bösen im Menschen“ interessieren, dabei aber auch einen Hauch von Drama ertragen – und sich dennoch nicht von Gewaltdarstellungen abschrecken lassen.

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