Gastbeitrag

Gedenkdienst in Kanada

Ein Einblick von Florian Chen 

Holocaust Education and Genocide Prevention Foundation

Montréal, Kanada

Mein Name ist Florian Chen und ich habe letzten Mai als Teil des verrückten Corona-Maturajahrgangs an der Keimgasse maturiert. Jetzt, ein paar Monate später, arbeite ich als Gedenkdiener an der Holocaust Education and Genocide Prevention Foundation in Montreal. Als junger Österreicher sehe ich es als in meiner Verantwortung, meinen Beitrag dazu zu leisten, den Opfern des Holocausts zu gedenken. Deswegen, und weil ich es ziemlich cool finde ein Jahr lang in Kanada zu leben, habe ich mich entschlossen, statt meines Militärdienstes einen Gedenkdienst in Montréal zu leisten. 

Die Holocaust Education and Genocide Prevention Foundation wurde in den späten 1980er Jahren noch mit dem Namen Kleinmann Family Foundation vom Holocaust-Überlebenden Peter Kleinmann gegründet, nachdem dieser sich von seiner Arbeit in Montreal/Quebec zur Ruhe gesetzt und seine Erfahrungen aufzuarbeiten begonnen hatte. Mit dem Ziel, insbesondere junge Menschen über Rassismus, religiöse Intoleranz und Diskriminierung aufzuklären, wurden jedes Jahr zahlreiche Vorträge an Schulen, Colleges und Universitäten organisiert. Die Foundation wird seit Peter Kleinmanns Tod im Jahre 2000 von Naomi Kramer geleitet und wurde 2014 in Holocaust Education and Genocide Prevention Foundation umbenannt.

Seit meinem Dienstantritt am 1. September habe ich bereits sehr unterschiedlichen Tätigkeiten nachkommen dürfen. Einerseits habe ich älteren jüdischen Montrealern mit alltäglichen Dingen wie Einkäufen, Arztbesuchen oder dem Zusammenbauen von Kästen helfen dürfen. Andererseits habe ich aber auch das Wissen, das ich mir in Vorbereitung auf diesen Gedenkdienst angeeignet habe, anwenden dürfen und so an einem College einen Vortrag über Antisemitismus in Europa gehalten und an vielen Konferenzen zu dieser Thematik teilgenommen. Besonders spannend war dabei eine Konferenz mit der kanadischen Ministerin für Inklusion, Vielfalt und Jugend,  Frau Bardish Chaggar, bei welcher Wege besprochen wurden, Rassismus in Quebec zu bekämpfen. Derzeit bin ich damit beschäftigt, die Veranstaltung A Discourse: Racism and Justice zu organisieren, bei welcher viele angesehene Redner über Themen in Bezug auf „Systemic Racism“ sprechen und diskutieren, wie man mit den Problemen, die dieser verursacht, am besten umgeht.

Auch in meiner Freizeit habe ich in Montréal bisher eine sehr spannende Zeit erleben und die ein oder andere Süßspeise mit Ahornsirup genießen dürfen. Die Bilingualität der Stadt Montreal ist genauso einzigartig wie die berühmte Freundlichkeit der Kanadier und ich habe so schon viele neue Freunde kennengelernt. Besonders erlebenswert ist auch der „Online Heuriger“ der Austrian Society of Montreal gewesen, wo ich mit einem Glas Wein vor der Kamera bei einem Quiz über Österreich den ersten Preis und somit Mozartkugeln und Wein gewinnen konnte. 

Zusammengefasst kann ich sagen, dass ein Gedenkdienst eine sinnvolle und spannende Alternative zu Militärdienst oder Zivildienst bietet, aber auch als Freiwilligendienst für Nicht-Zivildienstpflichtige durchaus interessant sein kann. Die Erfahrungen, die man während eines Gedenkdienstes im Ausland sammeln kann, sind einzigartig und die Arbeit, nämlich das Gedenken an die Opfer des Holocaust und das Kämpfen gegen Antisemitismus, ist von essentieller Bedeutung.


Florian hat mir diesen Artikel unter dem Eindruck des vermeintlichen Anschlages übermittelt und war sehr erschüttert, weil zu diesem Zeitpunkt der Verdacht groß war, dass es sich um einen Anschlag auf die Synagoge gehandelt haben könnte. MT

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