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Frauenfeindlichkeit bei Schimpfwörtern

Nutte, Hure, Fotze – das sind Wörter, die man bei Jugendlichen derzeit oft zu hören bekommt. Egal ob es ernst gemeint ist oder nur als Spaß, diese jungen Menschen werden nicht für ihre Worte zur Rechenschaft gezogen und normalisieren so einen Umgang für die nächste Generation. Doch woher kommt eigentlich dieser Drang, Schimpfwörter zu benutzen, besonders welche, die sich auf das weibliche Geschlecht bzw. gar das weibliche Geschlechtsorgan beziehen?

Weibliche Beleidigungen – warum eigentlich?

Wenn Jugendliche jemanden beleidigen möchten, benutzen sie „Pussy“ oder „Hurensohn“. Dass besonders diese zwei Wörter bei Jugendlichen sehr gebräuchlich sind, sagt viel über das Frauenbild der derzeitigen Jugend aus.

Es geht aber noch härter: Der Begriff Fotze wird meist für weibliche Personen verwendet und zeugt von wirklicher Abneigung. Genauso wie der Begriff „Pussy“, der sich auch auf das weibliche Geschlechtsorgan bezieht, zeigt, wie gering Weiblichkeit in unserer Gesellschaft gewertet wird. Ich höre nicht wie Leute herumrennen und Penis oder Schwanz als Beleidigung benutzen. Auch Hurensohn ist ein sehr gutes Beispiel: Statt einfach die Person zu beleidigen, mit der man Stress hat, muss man deren Mutter als „Hure“ betiteln, damit diese Person sich dann erniedrigt fühlt. Das Gegenstück dazu bildet „Freierssohn“ – noch nie gehört? stimmt, ein Begriff der absolut nicht verwendet wird, und selbst wenn, empfindet dies niemand wirklich als offensiv.

Dieser offensichtliche Drang ist tief in unserem patriarchalem System verankert. Denn eine Frau, die außerhalb einer fixen Beziehung Sex hat (oder wie Prostituierte sogar Geld damit verdient), wird bei uns als verdorben angesehen. Jemand, der nicht in unser gesellschaftliches Bild einer „guten Frau“ passt, den muss man natürlich ausgrenzen. Was ist eigentlich mit den Männern, die zu diesen Prostituierten gehen? Die sind uns egal – komplette Doppelmoral!

Es geht jedoch nicht nur um die Scham bezüglich Sex, sondern auch um die weiblichen Geschlechtsorgane, die immer wieder als etwas Abstoßendes oder Ekelhaftes dargestellt werden. Woher, denkt ihr, kommt der Begriff Schamlippen? Er kommt vom Althochdeutschen “scama“, „das zu Bedeckende“, also das, was niemand zu sehen, wofür man sich zu schämen hat. Klar, wenn man weibliche Sexualität als Tabu-Thema darstellt, dann schämen sich Frauen, was dazu führt, dass sie viel weniger zu sich selbst und ihrer Sexualität stehen.

Extrem schlimm finde ich auch die Art und Weise, wie Alltagssexismus total normalisiert wird. Ich bekomme wirklich oft mit, wie Freundinnen als Nutten, Huren, Schlampen oder einfach als „Frau“ beschimpft werden, meist sogar von Leuten, mit denen sie eher nah sind. Oft reagieren diese nicht einmal mehr auf solche Beschimpfungen, so als ob das Ganze nicht eigentlich total schlimm ist. Solcher Alltagssexismus mag von vielen einfach als harmloser Spaß gesehen werden, aber mit jeder Wiederholung solcher heruntermachender Begriffe vertieft sich das entsprechende Weltbild und senkt sich auch das Selbstwertgefühl der Frau. Diese „leichten“ Beleidigungen können in vielen Fällen sehr schnell zu verbaler Gewalt führen, die auf lange Sicht das Selbstwertgefühl des Opfers massiv angreift. Verbale Gewalt kann bei Opfern zu Schlafstörungen, Panikattacken oder sogar psychosomatischen Erkrankungen führen.

Doch viele dieser Beschimpfungen werden nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer gerichtet. Wenn ein Mann sich nicht traut, etwas zu tun, dann wird dieser auch gleich als „Pussy“ abgestempelt, so als ob das Schlimmste, als das er beschimpft werden könnte, wäre eine Frau zu sein.

Natürlich gibt es auch solche Beschimpfungen für Männer wie „Schlappschwanz“ oder „Weichei“, aber diese zielen nicht auf eine exzessive Sexualität ab wie bei „Hure“ oder „Hurensohn“. Untersuchungen wie z.B. die der der kanadischen Professorin Deborah James „Gender-Linked Derogatory Terms and Their Use by Women and Men“ beweisen, dass bei männlichen Personen vor allem auf Nicht-Erfolg, Schwäche und Impotenz gezielt wird. Bei Frauen wiederum stehe die Sexualität komplett im Mittelpunkt; hier sieht man auch mal wieder die heteronormative Rollenverteilung. Deshalb sind diese Beleidigungen nicht einfach Beleidigungen, sondern spiegeln etwas ganz klar wider: Männer werden mit Frauen gleichgesetzt, um beleidigt zu werden, weil Frauen eben in der patriarchalen Gesellschaft weniger gelten.

Natürlich haben hier Frauen extrem mit systematischer Unterdrückung zu kämpfen, die in einigen Fällen sogar zu Femiziden führt – ein schlimmes, riesengroßes Thema für einen eigenen Artikel. Aber auch Männer leiden unter diesen patriarchalischen Strukturen und der Einordnung von Eigenschaften und Verhaltensweisen als weiblich oder männlich. „Wahre Männer weinen nicht!“ ist z.B solch ein schädliches Motto, das zu einer emotionalen Einschränkung vieler Männer führt.

Also, das nächste Mal, wenn du oder jemand in deinem Umfeld jemanden so beschimpft, dann ist das nicht nur völlig daneben, sondern auch einfach sexistisch. Sprache beeinflusst unsere Gesellschaft extrem stark und solche schlimmen Beschimpfungen können auch zu wirklich schrecklichem Handeln führen.

Was kann man sonst für Schimpfwörter verwenden?

Wenn du also mal in der Zukunft wirklich unbedingt fluchen musst oder einfach Wut und Frust rausmüssen, dann musst du wirklich kreativ werden. Ich persönlich mag das simple „Arschloch“; das beleidigt auch, es diskriminiert dabei aber wenigstens nicht. Es gibt nämlich keine reale Gruppe von Arschlöchern, die durch die Benutzung dieses Wortes in irgendeiner Art und Weise diskriminiert würde.

Hier jetzt zum Abschluss noch ein sehr wichtiger Disclaimer. Dieser Artikel befasst sich strikt mit der binären Perspektive des Themas. Hier geht es um die Geschlechterdynamik zwischen „Mann“ und „Frau“, wobei das bei weitem nicht alle Menschen umfasst.

Clara Weichbold

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