Die Schulsprecher_in

Corona Woche 1 – Gedanken und Aufzeichnungen eines Schulsprechers, der nicht mehr in die Schule gehen darf

Liebe Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler, liebe Leserinnen und Leser, f├╝r meine Memoiren ist es zwar noch zu fr├╝h, aber dennoch wollte ich f├╝r mich, f├╝r euch (und die Nachwelt ­čśë ) festhalten, wie ich die jetzige Situation erlebt und mich dabei gef├╝hlt habe. Fangen wir also am Anfang an…

Letze Woche am Dienstag (10. M├Ąrz) habe ich noch eine ganz normale Philosophiestunde verbracht. Wie zumeist bin ich dagesessen – schaukelnd, den Sessel an den Kasten gelehnt. Das heutige Thema war Ethik und wir diskutierten tagesaktuell ├╝ber das Coronavirus und dar├╝ber, ob es eine moralische Verpflichtung g├Ąbe, zuhause zu bleiben, um das Ansteckungsrisiko f├╝r alle anderen zu minimieren. Als Beispiel wurde immer wieder Italien genannt, wo Ausgangssperren oder Quarant├Ąne ├╝ber einzelne Gebiete verh├Ąngt wurden. Ich wei├č noch ganz genau, wie die Diskussion immer hitziger und intensiver verlaufen ist, und dass ich schlie├člich meinen Sessel wieder nach vorne habe kippen lassen und einwarf, dass sich hier bei uns solche Fragen nicht stellen w├╝rden, denn schie├člich h├Ątten wir so gut wie keine Infizierten und deswegen sei die Situation auch ├╝berhaupt nicht mit der in Italien zu vergleichen. Habe ich gesagt…

Zu Mittag kam dann bereits die Meldung, „Regierung sagt alle Outdoorveranstaltungen bis zu 500 Teilnehmern und alle Indoorveranstaltungen bis zu 100 Teilnehmern ab“. Sie traf mich unvorbereitet und hart, doch ich hatte bereits nach der f├╝nften Stunde aus und befand mich auf dem Heimweg. W├Ąhrend der Busfahrt haben mein Freund und ich kein Wort geredet: Wir sa├čen beide da und ├╝berlegten uns, was das denn jetzt genau hei├čt.

Die WhatsApp-Gruppe „Baller├Âffnung Bachgassen Ball“ (den ich als Schulsprecher aus rein diplomatischen Gr├╝nden er├Âffnen wollte) schaltete ich diesen Nachmittag auf stumm, da ich die vielen Mutma├čungen und Spekulationen satt hatte: „Findet der Ball statt?“, „Ich glaube, dass…“, „Ich habe geh├Ârt, dass…“. Morgen w├╝rde ich erfahren, dass er auf den 20. Mai verschoben wurde.

Das Mittagessen schmeckte mir an diesem Tag nicht besonders, ├╝berhaupt hatte ich den restlichen Nachmittag so ein merkw├╝rdiges Ziehen im Bauch und f├╝hlte mich nicht wohl. Wie eine dunkle Vorahnung, dass es wohl noch schlimmer kommen w├╝rde. Meine Mutter riss mich mit ihrer Frage, was sie denn noch einkaufen sollte, aus meinen Gedanken, denn sie bereitete schon den ersten Hamstereinkauf vor. Sie prophezeite mir: „n├Ąchste Woche sind die Schulen zu“, und ich wei├č noch genau, dass ich erwiderte, dass ich mir das nicht vorstellen k├Ânne.

Sp├Ąter tat ich was ich immer tat, wenn mich etwas besch├Ąftigte. Ich wartete bis es dunkel wurde, nahm meine Taschenlampe und ging in den Wald spazieren.

Am n├Ąchsten Tag, Mittwoch dem 11. M├Ąrz, schrieb ich erst einmal dreist├╝ndige Mathe-Schularbeit in der Fr├╝h. W├Ąhrendessen erhielt ich eine Mail von der Tanzschule Fr├Ąnzl, diese bliebe bis auf Weiteres geschlossen: Kein Unterricht mehr. Bleibt nur zu hoffen, dass ich die Schritte jetzt nicht verlerne, wo ich auch mit niemandem mehr ├╝ben kann. Keine Er├Âffnungsproben f├╝r den Keimgassenball, auf die ich mich jetzt schon ein Monat lang gefreut hatte. Kein Gehen in die Tanzperfektion, das ich f├╝r diesen Abend geplant hatte. Meiner Tanzpartnerin und ich mussten daf├╝r nicht einmal einander absagen.

Zun├Ąchst verlief der Tag relativ normal. In meiner Freistunde schaffte ich es sogar endlich unsere neue Schul├Ąrztin zu interviewen. Es war das letze Mal, das ich einer Person die Hand sch├╝ttelte. Am Nachmittag gerade w├Ąhrend Sch├╝lerzeitung kam die n├Ąchste Meldung herein: „Schulen werden geschlossen“. Zack, bum, einfach so. So wirklich ├╝berrascht war ich nicht mehr. Ich wei├č noch, wie ich, bevor ich nachhause gegangen bin, im Sekretariat vorbeigeschaut habe, um mir eine Schulbesuchsbest├Ątigung ausstellen zu lassen, die ich f├╝r meine Stellung am 2. April mitnehmen wollte. Ich sollte auch diese nicht mehr brauchen, da das Bundesheer noch inderselben Woche die Stellung bis auf Weiteres aussetzte.

Zuhause war wie jeden Montag und Mittwoch, wenn meine Mutter in der Arbeit war, meine Oma. Im Nachhinein betrachtet eigentlich verantwortungslos, aber es sollte das letze Mal f├╝r eine lange Zeit sein, dass meine Oma mir ein gutes Mittagessen servierte. Sp├Ąter rief mich noch ein Mitsch├╝ler an, der mir mitteilte, dass er ab morgen nicht mehr in die Schule komme und mich bat f├╝r ihn mitzuschreiben.

Viele Sch├╝ler schienen sich zu freuen. Vermehrt war von „Ferien“ die Rede. Am Abend erhielt ich von einem Freund einen Einladungslink zu einer WhatsApp-Gruppe „Corona Saufung n├Ąchsten Montag in M├Âdling“, in der als ich die Gruppe wieder verlie├č bereits ├╝ber 200 Leute drin waren. Auch dieses „Event“ wird schlussendlich abgesagt werden.

Der Donnerstag (12. M├Ąrz) verlief dann nicht mehr so normal. Im Schulhaus ging es irgendwie hektischer zu. Sch├╝ler wie Lehrer waren verunsichert. Auch ich wusste nicht, was ich tun sollte. „Wie ein gehetztes Tier“ (Zitat Prof. Thomaser) lief ich im 1. Stock zwischen Sekretariat und Konferenzzimmer auf und ab. Ich versuchte die Fragen von ein paar Sch├╝lern zu beantworten; mit dem, was ich nicht beantworten konnte, ging ich dann sp├Ąter zum Hr. Direktor, der sich bem├╝hte mir weiterzuhelfen.

Ich wei├č noch, wie aufgebracht ich im Sekretariat war: „Beruhigen Sie mich, ich will nicht, dass die Schule zugesperrt wird.“ Auch in der Situation bewahrten die Beteiligten ihren Humor. Frau Schada ging dann mit mir zum Direktor, der mich aufmunterte: „Du kriegst eine Ausnahmeregelung. Als Schulsprecher musst du ja kommen und der Kapit├Ąn (mein Faschingskost├╝m) verl├Ąsst ja bekanntlich das Schiff zuletzt“. Ich werde das Schiff am 13. M├Ąrz um 12 Uhr bereits verlassen haben.

Wir erhielten die ersten Arbeitsauftr├Ąge f├╝r die unterrichtsfreie Zeit: „Schreibt diese Aufs├Ątze!“, „Bereitet euch selbstst├Ąndig auf die Matura vor! Die n├Ąchste Schularbeit kommt bestimmt und jetzt vier Wochen nichts tun ist t├Âdlich„, „Ihr habt eh genug zu tun, drum gebe ich euch nichts“ und „Wenn euch nach vier Wochen Zocken fad wird d├╝rft ihr auch gerne einmal ins Religionsbuch hinein schauen“, waren die Anweisungen, die wir von verschiedenen Lehrern erhielten. Die Modellklassen hatten ja bereits zwei Wochen FLipiK verbracht, weswegen die Situation f├╝r uns und unsere Lehrer eigentlich nicht g├Ąnzlich neu war.

In der Mathestunde war ich dann kurz davor zu verzweifeln: wir taten nichts mehr. Mit dem Stoff waren wir zwar schon seit zwei Monaten durch, nutzen aber die Zeit normalerweise um gem├╝tlich zu wiederholen und uns f├╝r die Matura vorzubereiten. An diesem Tag machten wir wirklich nichts mehr: Der Lehrer sa├č vorne, die Sch├╝ler in ihren Reihen und man h├Ârte nur betroffene Stille und das vereinzelte Tippen auf Laptoptastaturen.

Was ich diesen Nachmittag zuhause gemacht habe kann ich nicht mehr wirklich sagen. Die Lateinhaus├╝bung habe ich auf jeden Fall nicht mehr gemacht, dazu fehlte mir jegliche Motivation. Die Theatervorstellung, die ich an diesem Abend besuchen wollte, war selbstverst├Ąndlich bereits abgesagt worden.

Freitag der 13. (M├Ąrz) begann f├╝r mich mit meiner letzen Fahrstunde, denn n├Ąchste Woche Donnerstag wollte ich zur praktischen Fahrpr├╝fung antreten. Die Absage hierf├╝r sollte ich morgen erhalten. Meine letzte Lateinstunde verlief einigerma├čen normal, wir machten normal Stoff. In Religion hielten wir bereits die Osterstunde ab.

Als Schulsprecher wollte ich mich eigentlich noch irgendwie n├╝tzlich machen. Ich dachte an die geplante Klassensprecherkonferenz, das SQA-Lehrerfeedback, das mir noch immer zu Wenige verwendeten und daran, wie ich mich daf├╝r einsetzte, dass die Wasserspender in den Containerklassen wiederaufgestellt werden sollten. In dieser Situation kamen mir alle diese Anliegen klein und unbedeutend vor.

Die vielen Jobs n├╝tzen wir mir wohl jetzt nichts mehr

Nach der vierten Stunde hatte ich bereits aus. Der Direktor lief mir noch zweimal ├╝ber den Weg. Beim ersten Mal fragte er mich, ob es noch irgendwelche Anfragen g├Ąbe, die er mir alle nach seinem Informationsstand beantwortete. Beim zweiten Mal kam ich zu ihm und bat darum auf dem Laufenden gehalten zu werden. Da war er gerade dabei den Corona-Bereich auf der Homepage einzurichten. Ich wies daraufhin, dass die Oberstufe noch keinen Infobrief erhalten hatte, lobte das Krisenmanagment an unserer Schule und packte die Pflanzen aus unserer Klasse ein.

Die Verabschiedung von allen war irgendwie seltsam. Von meinen Mitsch├╝lern verabschiedete ich mich gar nicht so richtig, wir gingen n├Ąmlich davon aus, dass wir uns weiterhin sehen w├╝rden k├Ânnen. Es war auch nicht klar, wie man sich verabschieden sollte. „Sch├Âne Ferien!“, h├Ârte sich f├╝r mich zum Beispiel n├Ąmlich vollkommen falsch an.

Beim Rausgehen traf ich noch auf die Adminstratorin, die mich bat die Sch├╝ler ├╝ber die Situation bez├╝glich WebUntis zu informieren. Also wenigstens doch noch eine Aufgabe f├╝r den nun bald arbeitslosen Schulsprecher, der ich gerne nachgekommen bin:

Meine beste Freundin durfte von ihren Eltern aus nun keine Freunde mehr treffen. Ich fuhr deswegen nicht gleich nachhause, sondern wartete vor ihrer Schule auf sie bis sie aus hatte, um mich von ihr zu verabschieden. Ich hatte circa 10 Minuten, bevor sie abgeholt wurde und ich nachhause fuhr. Sie war die letzte Person, die ich umarmt habe.

Bereits am Mittwoch machte meine Mutter in diese Richtung Druck und nachdem mich mit meiner Mitsch├╝lerin, mit der ich gemeinsam feiern wollte, R├╝cksprache gehalten hatte, sagte ich schweren Herzens meine f├╝r den 21. M├Ąrz geplante Geburtstagsparty ab.

Am Nachmittag versuchte ich mit der Situation irgendwie umzugehen. Also stieg ich in den Bus und fuhr hinauf zur Gie├čh├╝bler Heide, um spazieren zu gehen. (Man sieht ich gehe gerne spazieren) Ich wusste nicht, wie es jetzt die n├Ąchsten vier Wochen weitergehen sollte, und das schlug sich auch in meiner Route nieder. Ich ging solange geraudeaus bis ich mich soweit verlaufen hatte, dass kein Pfad mehr zu sehen war und es mein Handy und einen Marsch querwaldein ben├Âtigte, um wieder auf einen Weg zur├╝ckzukommen. Ich wanderte zu derselben H├╝tte, die ich auch an dem Tag aufsuchte als ich dieses Schuljahr meinen ersten Fetzen in Deutsch schrieb.

Mein Wanderziel

Diese hatte zu meinem Erstaunen ge├Âffnet und war auch noch ├╝berraschend gut (auch von alten Leuten) besucht. Ich kehrte also ein und bestellte (wie nach der verpatzen Deutsch-SA) einen J├Ągermeister, einen Himbeer- und einen Zirbenschnaps. (Nicht nachmachen!)

Meinen Geburstag am 15. M├Ąrz (Sonntag), verbrachte ich zuhause. Es war nicht die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Den Vormittag verbrachte ich alleine in meinem Zimmer. ├ťber die Gl├╝ckw├╝nsche die nach und nach eintrudelten freute ich mich dann doch, insbesondere ├╝ber die Anrufe und Sprachnachrichten, auch wenn ich den Satz „Ich hoffe du feierst trotz der gegeben Umst├Ąnde sch├Ân“ irgendwann nicht mehr sehen/h├Âren konnte. Am Nachmittag gab es dann den Kuchen, den meine Oma in der Fr├╝h vor die T├╝r gestellt hatte und sogar ein paar Geschenke: den Rucksack zum Verreisen oder die Karten f├╝rs Kabarett werde ich aber momentan leider nicht brauchen ­čÖü .

Geburtstag feiern in Zeiten des Coronavirus

Das war also, wie alles angefangen hat. ├ťber meine erste Woche zuhause und meine Besch├Ąftigungsm├Âglichkeiten refkletiere ich dann in meinem n├Ąchsten Artikel. Bis dahin bleibt gesund!

Herwig Stockinger, Schulsprecher

20 Jahre alt, Maturajahrgang 2020 Vize-Schulsprecher 2018/19 Schulsprecher 2019/2020 Absolventenverein Bundesherwig Jus-Student
4 Comments on this post.
  • Tim Thiesen
    24 M├Ąrz 2020 at 10:23

    Coole Idee!

  • Angelika czaler
    27 M├Ąrz 2020 at 09:49

    Ich glaube jede/r Leser/in findet sich in deinem Bericht bis zu einem gewissen Grad wieder. – Gut gemacht!
    Und was Geburtstage betrifft, nicht nur deinen, Herwig, sondern alle, die in unsere Schulgeb├Ąude-freie-Zeit (so hei├čt das n├Ąmlich, nicht Ferien!) fallen:
    Ich w├╝rde mich freuen, in der jeweils ersten Englisch-Stunde meiner Klassen, die wieder in der Keimgasse stattfindet, mit all jenen Geburtstag nachzufeiern, die einen Kuchen o.├Ą. f├╝r die Klasse mitbringen! Egal, wann das sein wird, it’s something to look forward to…
    Und nat├╝rlich freue ich mich darauf, wenn’s endlich wieder hei├čt: „In English, please!“
    Bis dahin, stay safe!

    • Herwig Stockinger
      28 M├Ąrz 2020 at 19:43

      Na dann werde ich wohl was mitbringen ­čÖé

  • angelika czaker
    27 M├Ąrz 2020 at 09:50

    *CZAKER

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