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Die Stimme des Wahnsinns

von Ariane Frank

„Ist es wirklich so wunderbar, wie alle sagen?“, fragt die Stimme. Natürlich ist diese Frage dumm, und ich würde niemals wagen, sie laut auszusprechen, aber hin und wieder drängt sie sich mir unvermittelt auf, mit einer leisen und gleichzeitig wütenden Stimme, die ich die Stimme des Wahnsinns nenne. Sie überfällt mich manchmal regelrecht und weigert sich zu verschwinden, bis ich mir die nächste Injektion habe spritzen lassen. Diese Injektionen bekommt jeder in unserer Stadt zu vorgeschriebenen Zeiten gespritzt, um die allgemeine körperliche und geistige Gesundheit zu garantieren. Das ist auch der Grund, warum in unserer Stadt so gut wie nie Verbrechen geschehen, niemand unglücklich ist oder Schmerzen hat, und wenn doch etwas in dieser Hinsicht passiert, wird für die betroffene Person einfach die Dosis angepasst. Unsere kleine Stadt ist perfekt, friedlich, sauber und ruhig. Und doch bekomme ich hie und da, so wie jetzt, kurz bevor die nächste Injektion fällig wird, Zweifel.

„Was ist außerhalb der Stadt? Wenn alle Menschen friedlich sind, wozu gibt es dann Kameras an jeder Ecke? Was wäre, wenn es keine Injektionen mehr gäbe? Würde wirklich alles in Chaos versinken, und Gewalt und Unglück würden überhand nehmen?“ All das flüstert die Stimme des Wahnsinns.

„Natürlich würde das alles eintreffen. Jeden Tag kann man überall auf den Straßen auf Bildschirmen sehen und durch Lautsprecher hören, was wir alles unserer gütigen Regierung zu verdanken haben: Jeder hat eine auf seine eigenen Fähigkeiten abgestimmte und von den fachkundigsten Leuten ausgesuchte Arbeit, einen optimal passenden Partner und natürlich eine vollkommen abgesicherte Gesundheit.“ All das erwidert die Stimme der Vernunft.

„Findest du nicht, dass die Worte optimal, vollkommen und perfekt nicht ein wenig zu oft Gebrauch finden?“, höre ich auf einmal zu meinem unbändigen Entsetzen die Stimme des Wahnsinns in meinem Kopf flüstern. Aber was mich entsetzt, ist nicht der Gedanke an sich, sondern dass er mich auf eine unheimliche, geradezu verbotene Weise fasziniert. Die Stimme der Vernunft in mir schreit gequält auf, als mir das klar wird.

Ich will die Vernunft zum Schweigen bringen, möchte den angefangenen Gedanken des Wahnsinns zu Ende denken, da beginnt mein Armband zu piepsen und zu blinken – das Signal, dass meine nächste Injektion fällig ist. Ganz automatisch gehe ich zu der kleinen metallenen Maschine, die in die sonst makellose, weiße Wand meines Zimmers eingelassen ist, und halte meine Hand hinein. Noch während mit einem Scanner meine Identität sichergestellt wird, habe ich plötzlich den Impuls, die Hand wegzuziehen. Er entspringt der Stimme des Wahnsinns, diesem dummen Teil meines Verstandes, der sich über jede Logik und jede Wahrheit, die mir die Leute, die sich so gütig um mein ganzes Leben kümmern, anvertraut haben, hinwegsetzt. Fast will ich nachgeben und die Hand wegziehen, aber die Vernunft siegt.

Schon während die ersten Tropfen der Injektion in meine Hand fließen, verstummt der Wahnsinn und ich werde auf einmal müde. Ich frage mich, wie ich jemals daran denken konnte, die Injektion zu verweigern. Leicht belustigt über mich selbst schüttele ich den Kopf. In zwanzig Minuten würde die gesetzliche Nachtruhe eintreten, und bis dahin müssen alle Lichter abgedreht und alle Leute in ihren Betten sein. Während ich noch rasch alles für morgen herrichte, höre ich aus einem der Lautsprecher von der Straße: „Die Bevölkerung der Stadt wird gebeten, die Anweisungen der Regierung immer zu befolgen. Sie sollte auch nicht zu viel  über diese nachdenken, es würde ihr nur das Leben schwermachen!“ Ich nicke lächelnd mit dem Kopf und verstehe meine eben erst verflogene Aufmüpfigkeit nicht mehr. Ist es nicht schön, wenn sich andere um alles kümmern?

Nachdem mich am folgenden Morgen mein Armband pünktlich zur nächsten Injektion geweckt hat, gehe ich zur Arbeit. Ich freue mich, so meine Regierung unterstützen zu können, aber noch mehr freut mich, dass ich die Stimme des Wahnsinns seit gestern Abend nicht mehr gehört habe. Während ich gut gelaunt meiner Arbeit nachgehe, nur manchmal unterbrochen, wenn mich ein Signalton meines Armbands daran erinnert, dass ich etwas Wasser trinken soll, höre ich der Stimme der Vernunft zu.

„Bist du nicht glücklich, es so gut zu haben? Bist du nicht froh, dir über nichts Gedanken machen zu müssen? Es gibt so viele Leute, denen du wichtig bist. Die Regierung sorgt und kümmert sich um dich, solange du ihr nur gehorchst. Du kannst dich glücklich schätzen, dass man so gütig zu dir ist.“ All das erzählt die Stimme der Vernunft. Doch aus einem unerfindlichen Grund klingt es heute nicht so überzeugend wie sonst.

Ich versuche, die mangelnde Überzeugungskraft der Vernunft auszublenden, als ich von einem völlig ungewohnten Geräusch aufgeschreckt werde: Schreie. Meine Kollegen und ich eilen zu dem Aufenthaltsraum, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine anscheinend verrückte, wild um sich schlagende Frau von vier Regierungsbeamten mitgenommen wird. Man erklärt uns, dass sie heimlich ihre Injektionen verweigert und sich deshalb mit einer Krankheit infiziert hätte. Wir braven Bürger hätten aber keine Ansteckung zu befürchten.

„Er meint, ihr braven Schafe müsst keine Angst davor haben, ebenfalls abgeschleppt zu werden“, sagt die Stimme des Wahnsinns in gefährlich ruhigem Ton. Unter der Heftigkeit dieses Gedankens zucke ich zusammen. Ich  will ihn ausblenden, vergessen und nie wieder an ihn denken, und doch lässt er mich nicht los.

Als ich später am Tag wieder zuhause in meinem Zimmer sitze, tobt der Wahnsinn. Die Stimme der Vernunft, ruhig und sachlich wie immer, kommt einfach nicht gegen ihn an. „Bist du so blind? Siehst du nicht, was hier vor sich geht? Begreifst du denn nicht, was es mit den Injektionen auf sich hat?“ Die Stimme des Wahnsinns brüllt, reißt mich mit, und entsetzt merke ich, wie ich mehr und mehr die Kontrolle verliere und wie die Vernunft sich zurückzieht. Doch noch schlimmer ist, dass ein Teil von mir den Wahnsinn willkommen heißt und ihn geradezu einlädt, sich in mir einzunisten.

Unterdessen hat sich mein Armband wieder gemeldet, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass die nächste Injektion fällig ist. Doch anstatt der Aufforderung Folge zu leisten, werfe ich das Band auf den Boden und zertrete es mit meinem Fuß. Diesmal siegt der Wahnsinn.

Wenig später wird meine Tür aufgestoßen und dieselben Männer, die schon die Frau weggebracht haben, stürzen auf mich zu und packen mich. Wie die Frau schreie ich und trete um mich, aus Gründen, die ich selber nicht ganz verstehe. Doch der Griff der Männer ist fest, und so zerren sie mich hinaus und in einen Wagen. Erst als sie mich auf einen der Sitze darin drücken und meine Arme und Beine mit Fesseln fixieren, wird mir meine Lage wirklich bewusst. Noch während ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, beginnt der Fahrer des Wagens zu sprechen: „Es tut mir immer leid, einen Bürger unserer wunderschönen Stadt fortbringen zu müssen, aber Sie haben mir keine andere Wahl gelassen. Wäre Ihr Verhalten auf eine falsche Dosierung der Injektionen zurückzuführen, käme alles in Ordnung. Aber Sie haben den Willen der Regierung missachtet, und das aus eigener Entscheidung.“

Der Wagen fährt bis zu der Mauer, die unsere Stadt umschließt, doch anstatt dort anzuhalten, fahren wir durch ein Tor, und zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich, was sich außerhalb der Stadtmauern befindet. Vor mir erstreckt sich Ödland, leblos und von Ruinen durchzogen. Der Fahrer des Wagens lächelt leicht, als er mein fassungsloses Gesicht im Rückspiegel bemerkt. „Die Regierung ist wohlwollend und großzügig, solange man ihre Geschenke annimmt. Hier sehen Sie, was passiert, wenn man sich als undankbar erweist.“ Mit einem etwas breiteren, fast schon freundlichen Lächeln fügt er hinzu: „So wird es auch Ihnen ergehen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, es wurden schon Leute vor Ihnen hiergelassen, und ich habe gehört, nach einiger Zeit möchte man gar nicht mehr zurück.“

Betroffen sehe ich aus dem Fenster auf das ausgebrannte Trümmerfeld, während mir das Lachen des Wahnsinns in den Ohren klingt.

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