Ohne Kategorie

Risiko

von Erik Salaun

So klein sah sie aus – wie ein Tennisball, dachte er. Dieser blaue Ball war ihrer aller Heimat. Doktor Wolf blickte durch das Weltraumteleskop direkt auf die Erde. Er sah sich die riesigen Ozeane an, welche aus der Entfernung wie kleine Pfützen wirkten aus denen Erdhäufchen herausragten. Er bewunderte gerade den Planeten als ihm sein Kollege grob ansprach: „Doktor Wolf, konzentrieren Sie sich auf unseren Auftrag und trödeln sie nicht herum!“  – „Ja, nur noch eine Minute, Abrahmovich!“ Sein russischer Kollege trabte wütend durchs Raumschiff und Wolf blickte wieder auf die Erde. Aber, er hätte nie ahnen können was er in der nächsten Minute zu sehen bekommen würde.

Währenddessen saß Brown, der Captain der Crew, in der Kommandozentrale. „Exakt 9:00 abends, wir befinden uns auf Kurs und haben die Atmosphäre jetzt schon seit 8 Tagen verlassen. Unser Ziel – der Exoplanet Alpha-Borion – ist im Visier. Unserer Crewmitglieder bitten um Gespräche mit ihren Freunden und Familien. Werden Videoanrufe genehmigt?“ Er wartete noch einige Minuten, doch zu seinem Erstaunen meldete sich keiner. Er versuchte es nochmal, doch nichts. Nur ein ewiges Rauschen. Drei, vier, fünf, ja sogar sechs Versuche, doch die Antwort blieb immer ein kühles, niederschmetterndes Rauschen. „Was zur Hölle ist da los!!?“ schrie er.

Professor Chuo, der Physiker der Crew, zuckte auf als er den Schrei hörte. Er saß gerade an einem Tisch, seine Beine baumelten über dem Boden und seine große Hornbrille war auf seine Nasenspitze gerutscht. Er hatte den Kurs zu Alpha-Borion, den Exoplaneten auf den sie zuflogen, berechnet als der Schrei des Captains ihn aufweckte. Hektisch packte er seine Zettel zusammen und rannte zur Kommandozentrale.

Die Lage auf der Erde spitzte sich schon seit Längerem zu. Die Umweltverschmutzung zerstörte die Natur – das ausgehende Öl und der immer weiter steigende Bedarf nach Nahrungsmittel und Energie führten zu extremen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Nationen. Es war ein Wunder, dass man sie auf diesen Flug ließ, obwohl sie alle unterschiedlicher Herkunft waren, allerdings, falls ihre Mission ein Erfolg sein würde, hätte jede der Nationen gerne ihren Astronauten als erstes den neuen Planeten betreten lassen. Doch schon bald würde das keine Rolle mehr für sie spielen.

Der vierte Astronaut auf dieser Reise, Dr. Abramovich, hatte gerade einen Blick auf den Kontrollmonitor gewagt, welcher zeigte, dass der Sauerstoffverbrauch 110-mal größer war als er sein sollte. Das musste ein Fehler sein. Allerdings war es seine Pflicht bei Anzeichen von Gefahren das Schiff persönlich zu kontrollieren. Er hasste es, sich außerhalb des Raumschiffes zu bewegen, doch ihm blieb keine Wahl. Er ging fluchend in Richtung Raumschleuse, um die Sauerstofftanks zu überprüfen, während er sich hastig seinen Raumanzug überstülpte. Am Weg fauchte er Wolf an, er solle sich auf den Auftrag konzentrieren und nicht die Erde beobachten und stülpte den Helm über. Den Schrei des Captains hörte er nicht mehr. Er ging aus dem Schiff und kletterte zum Sauerstofftank.

Riesige Explosionen. Eine nach der anderen. Wolf hielt sich die Hand vor den Mund als er das absolute Chaos auf der Erde erblickte. Riesige Bomben, es müssten diese neuen Wasserstoffnuklearbomben sein. Zuerst zerstörten sie halb Asien, dann traf es Amerika und Russland, und schließlich fiel auch Europa. Die Erde war in einem dunklen Schleier gehüllt. „Mein Gott … “ krächzte Wolf kraftlos. Alle Menschen die er je kannte waren jetzt tot.

„Captain Brown! Was ist passiert?“ fragte Chuo, welcher gerade seine Brille wieder richtete – „Ich bekomme keine Signale! Es muss irgend …“ doch Captain Brown verstummte. Sie sahen aus dem Fenster und brauchten keine Teleskope, um die Katastrophe wahrzunehmen. „Alarmstufe Rot. Abrahmovich stopp sofort die Motoren!! … Abrahmovich?!“

Doch Abrahmovich kletterte gerade zum Sauerstofftank. Eine Träne lief ihm übers Gesicht. Nicht wegen der Katastrophe auf der Erde, er hatte sie noch nicht einmal bemerkt. Er sah ein riesiges Leck im Sauerstofftank. Es war schlimmer als er dachte, die meiste Luft war schon entwichen. Er stopfte es und zog sich zurück ins Raumschiff. Seine Kollegen saßen gerade zusammen an einem Tisch und stritten darüber was sie nun tun sollten. Als Abrahmovich über das Leck berichtete verstummten sie. Die Crew verstand nun, dass sie zusammenarbeiten mussten, oder sterben würden. Professor Chuo griff zu Papier und Stift und berechnete die Sauerstoffreserven.  „48 Stunden“ sagte er. Es herrschte Stille. Sie dachten an ihre Kinder, Familien und Freunde. Ihnen blühte das gleiche Schicksal.

Wolf kam eine Idee – „Wir könnten unseren Kurs ändern und zur ISS fliegen. Dort hätten wir Sauerstoffreserven und vielleicht eine Chance auf Überleben!“ Die anderen blickten hoffnungsvoll auf. Chuo tippte einige Zahlen in seinen Rechner. Und die aufkommende Hoffnung verwandelte sich in Verzweiflung – „Ja, aber … es würde sich mit unserem Sauerstoffverbrauch nur ausgehen, wenn wir … einer weniger wären.“ Sie sahen sich an. Es herrschte totale Stille bis Captain Brown aufstand und in sein Zimmer ging. Er kam zurück mit einer Schachtel in seiner Hand. „Was willst du mit diesem Kinderspiel, etwa um Leben und Tod spielen?“ Abrahmovich musste laut über seinen eigenen Witz lachen. Doch der Captain blieb still. Als er merkte, dass es ernst war und kein Witz sein sollte, setzte er sich und sah auf den Karton. – Risiko „Der erste ohne Truppen opfert sich fürs Team“ entschied Captain Brown.

Das Spiel begann.

Keiner spielte wie sonst. Jede kleine Holzfigur konnte über Leben und Tod entscheiden. Doch wie auch im Leben hatten manche mehr Glück als andere. Professor Chuo eroberte schon in den ersten 5 Zügen Australien. Er war den anderen strategisch weit überlegen. Abrahmovich kontrollierte große Teile Chinas, Brown gehörte Europa und Wolf besaß fast ganz Amerika. Mit jedem Zug wurde die Spannung zwischen den Spielern höher. Einige feindselige Blicke wurden getauscht, doch gesprochen hat keiner. Jeder war zutiefst damit beschäftigt seine eigene Strategie zu entwickeln. Sie waren so sehr in das Spiel vertieft, dass sie alles vergaßen, die Erde, das Leck, die Sauerstoffknappheit – es spielte keine Rolle mehr. Abrahmovich eröffnete das Feuer. Er schickte einen großen Teil seiner Arme auf die europäische Seite. Mit der geballten Kraft seiner Soldaten konnte er Captain Brown ohne Probleme in den nächsten Zügen vernichtend schlagen. Ein breites Lächeln zog sich über sein Gesicht. Der Captain versuchte vergeblich, sich zu verteidigen, doch der Sieg Abramovichs war unausweichlich. Was den Captain aber am meisten störte war die Lockerheit mit der Abrahmovich über seinen Tod entschied. Es machte ihn fertig. Er wollte gerade aufgeben als der kleine unscheinbare Professor Chuo eine Gegenattacke aus dem Hinterhalt auf Abramovich ausführte. Acht Züge später war Abrahmovichs Armee auf ein Viertel geschrumpft. „Dieser verdammte kleine Zwerg, ich würde ihm am liebsten die Brille von seiner Visage schlagen.“ Sein Kopf wurde rot und er ballte seine Fäuste. Seine letzte Holzfigur verließ das Spielfeld. „Game Over, Abrahmovich“ antwortete Chuo. Abrahmovich hatte verloren.

Er stand auf und begab sich zur Schleuse. Seine Kollegen folgten ihm, um sich zu verabschieden, doch er hatte nicht vor zu springen. Zwar hatte er im Spiel gegen den Zwerg verloren, aber im echten Leben ist er überlegen. Seine Kollegen umarmten ihn zum Abschied, als letztes Chuo. Bei der Umarmung packte Abrahmovich Chuo und schleuderte ihn gegen die Wand. Sein Genick brach. „Jetzt sind wir nur mehr 3. Auf zur ISS.“ befahl Abrahmovich finster. Er blickte in die entsetzten Gesichter vor ihm. „Wie konntest du nur!!!“ Schrie Captain Brown wütend und warf den Tisch um. Die kleinen Holzsoldaten fielen zu Boden. Er schnappte sich ein Glas und zerschlug es an der Wand. Mit einer spitzen Scherbe lief er auf Abrahmovich zu. Im nächsten Moment steckte sie in seiner Brust. Doch mit seinem letzten Atemzug zog er sie heraus und stach auf den Captain ein.  Wolf stürmte Brown zu Hilfe, doch es war zu spät. Er war jetzt der letzte Überlebende auf dem Raumschiff.

Er ging zu seinem Teleskop und sah erneut auf die Erde. Sie war jetzt in schwarzen Rauch eingehüllt. Die einst so schönen Ozeane und Kontinente waren kaum zu sehen. Seine Heimat brannte und ihm ging ein Gedanke durch den Kopf. Ich bin nicht nur der letzte Überlebende des Schiffes, sondern auch der letzte der Erde. Es wurde ganz still im Raumschiff. Sogar das Rauschen aus der Kommandozentrale verstummte.

Leave a Reply

*

*

*