Ohne Kategorie

Technologie vs. Emotionen

von Isabel Ibarra

107 erwachte durch das Läuten seines Weckers. Er stand auf, zog seine khakifarbene Hose und sein Hemd an, und aß sein Frühstück, das seine Essensmaschine brachte. Dann setze er sich zum Computer um am Schulunterricht teilzunehmen. Nach dem Mittagessen war es Zeit für Sport, also zog er seine Sportbekleidung an und ging hinaus.

Draußen war niemand außer die anderen Kinder auf dem Weg ins Fitnessstudio. Er kannte alle, weil sie in seiner Lebensgruppe waren. Eine Lebensgruppe ist eine Gemeinschaft von Menschen, die zusammenleben. Da man seine Lebensgruppe nie verlassen kann, sind neue Generationen nur Kopien der alten, weil ihre Vorfahren immer in dieser Lebensgruppe gelebt haben.

108 kam heraus, und zusammen gingen sie zum Fitnessstudio. Sie betrieben Laufsport, als 108 ihm mitteilte, dass ihr Telefon kaputt sei und sie deshalb ihn in letzter Zeit nicht anrufen konnte. 107 kannte 108, seit sie klein waren, denn bevor sie geboren wurden, waren ihre Mütter Partner. Partner sind zwei Menschen, deren Eltern Partner waren und daher selbst Partner sein müssen.

„Hast du die Neuigkeiten gehört?“, sagte 108. „Die Lebensgruppen werden immer kleiner. Meine Mutter sollte es mir nicht sagen, aber die Leute haben aufgehört, Kinder zu kriegen.“ „Was soll ich tun?“, sagte 107.

Gerade als er das sagte, piepsten ihre Armbinden und ließen sie wissen, dass ein unbeaufsichtigter Fehler aufgetreten war und sie zurück in ihre Unterkunft gehen mussten. Sie gingen zurück, als ein Leiter vorbeikam und sie drängte: „Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt zu gehen! Rennt, was ihr könnt! Seht ihr nicht den Himmel?“

Seit Menschen geboren wurden, haben sie gelernt, den Leitern zu gehorchen, egal was geschah. Sie müssen Anweisungen befolgen, Fragen werden nicht gestellt. Nicht, dass jemals Fragen gestellt wurden. Warum? Weil jede Frage mit einem Computer, einem Roboter, einem Smartphone oder irgendeiner anderen Technik beantwortet werden kann. Das Ergebnis? Die Neugierde verschwand …

107 und 108 schauten beide auf und sahen den grauen mit Blitzen erleuchteten Himmel. Sie fanden daran jedoch nichts Bemerkenswertes. Der Himmel war tatsächlich nicht oft so, aber sie wussten, dass sie mit der Schutzhaube um sie herum durch nichts verletzt werden konnten. Allerdings war dieses Mal die Reflexion der Kuppel nicht sichtbar. „Rennt, was ihr könnt!“, hörten sie wieder. Diesmal verschwendeten sie keine Zeit, sie rannten!

Der Leiter sprintete zum Hauptquartier und ließ sie alleine in ihren Unterkünften zurück. Aber sobald er außer Sichtweite war, fiel ein riesiges braunes Ding auf die Schutzräume vor ihnen und versperrte ihnen den Weg. „Der Leiter befahl uns zu laufen und wir müssen weiterlaufen, auch wenn es so ist“, sagte 107.
Sie rannten nach links und hörten nicht auf zu laufen. Nach etwa einer halben Stunde hörte der Sturm auf, aber sie rannten immer noch. Plötzlich blieb 108 stehen. „Ich glaube, wir sind außerhalb unseres Bereichs“, sagte sie, „und das bedeutet, dass wir verloren sind.“ In diesem Moment stießen sie auf etwas, dass wie ein Computer aussah, außer dass es verstaubt war. Sehr, sehr verstaubt….

„Was ist los?“, fragte 108. „Ich glaube, dass ich wissen will, warum das da ist um zurück in unsere Unterkünfte zu kommen.“ „Ich auch“, sagte 107. Sie begannen den Computer freizulegen und fanden dabei viele andere Dinge wie eine Decke, eine Hose und Sachen, von denen sie wussten, welchen Zweck sie hatten.

Aber es gab auch einige Dinge, von denen sie keine Ahnung hatten, wie zum Beispiel ein Metallzylinder, der Knöpfe hatte, und wenn man einen davon drückte, kam eine wirklich dünne Plastikvorrichtung heraus. Genauso waren da unendlich viele dünne kratzige weiße Dinger, auf denen Wörter geschrieben waren, und die von einer seltsamen Abdeckung zusammengehalten wurden. Aber es gab da etwas, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, nämlich eine kleine telefonähnliche Vorrichtung, die, wenn man auf ein bestimmtes Symbol drückte, eine Liste von seltsam zusammengesetzten Wörtern hervorbrachte. Es waren lustige Worte wie She Loves You, Despacito, Atemlos durch die Nacht, Hallelujah usw.

„Drück ihn“, sagte 108. Sie zeigte auf den Knopf unter Despacito. 107 drückte darauf und für die nächsten vier Minuten hörte man nichts als den Klang zweier Stimmen, die seltsam sprachen. „Was ist da gerade passiert?“, fragte 108. „Ich fühle mich so merkwürdig.“ „Wir müssen mehr davon hören!“, sagte 107. Und so taten sie es. Sie hörten jedes der 20 Lieder in der kleinen Maschine, und dann lasen sie die Wörter auf den weißen Dingen.

Sie begannen über all die Dinge zu lernen, die ihnen entgangen waren. Dazu gehörte das Lächeln, die Gefühle und die Antwort, warum ihre Spezies immer weniger wurde: Die Technik hatte sie einer Gehirnwäsche unterzogen.

Nach sechs Stunden begannen sie müde und hungrig zu werden und sie fühlten etwas, was sie noch nie zuvor gespürt hatten: Sorgen. „Wir können das nicht hier lassen“, sagte 107. „Was, wenn wir es nicht wieder finden? Wir müssen hier bleiben oder morgen wiederkommen.“ „Nein, können wir nicht“, sagte 108. „Der Sturm hat sich gelegt und die Maschinen haben den Schaden bereits repariert. Sie werden vor Ort sein und herausfinden, dass wir nicht da sind.“ „Ist dir nicht klar, was hier vor sich geht?“, fragte 107. „Wir sind neugierig und fühlen Dinge. Willst du nicht, dass das für immer andauert?“, sagte 108. „Aber ich möchte auch meine Familie nicht zurücklassen“, sagte sie.

„Wer hat gesagt, dass wir sie zurücklassen?“ sagte 107. „Wir gehen zurück, um sie zu holen, sobald wir einen Plan haben.“ „Was ist ein Plan?“, fragte 108. „Etwas, von dem ich gelesen habe“, antwortete 107, „Wir müssen einen Plan machen, um unsere Eltern zu retten.“ Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und alle Leiter, darunter auch der, der sie gestoßen hatte, traten ein. Der Chef der Leiter trat vor und sagte: „Du rettest niemanden.“ Dann wurde alles schwarz.

Fortsetzung folgt…

Leave a Reply

*

*

*