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VR

von Tim Blumenschein

Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen. Er öffnete langsam seine Augen und spürte eine leichte Brise Meeresluft, die durch die weit geöffnete Balkontür wehte. Es war ein jeder Morgen schöner als der vorherige, in jenem Strandhaus in Malibu, in welchem er lebte. Das ganze Schlafzimmer duftete nach Rosen und auf dem Nachttisch neben dem Bett stand eine noch dampfende Tasse des frischen Morgenkaffees, den die Haushälterin immer für ihn machte. Ein Blick durch das Fenster und auf das dort angebrachte Thermostat verriet, dass es ein wundervoller Tag werden würde mit 28 Grad im Schatten und dem perfekten Wind, um das Surfbrett aus dem Abstellraum zu holen und den ganzen Tag am Strand vor dem Haus zu verbringen. Nachdem er nun endgültig aufgestanden war, ging er in das sehr geräumige Bad, dessen Fenster ebenfalls den Blick auf den königsblauen Pazifik freigab, und betrachtete sich im Spiegel. Er selbst hatte noch nie jemanden gesehen, der so gut aussah, wie die Person, die ihm aus dem Spiegel zulächelte. Nach einer eher einfachen Morgenroutine, er hatte aber auch nicht mehr nötig, da er sowieso schon makellos aus dem Bett gestiegen war, nahm er seinen Morgenmantel, den Kaffee und die auf der Kommode bereitgelegte Zeitung und machte sich auf den Weg zur Tür. Langsam ging er die mit weinroten- und Marmorfliesen verzierte Treppe hinunter und öffnete die schweren französischen Terrassentüren. Er hatte den Ozean noch nie so perfekt schimmernd gesehen und verschüttete, vom Glitzern des Wassers abgelenkt, ein bisschen des nach Zimt schmeckenden Morgenkaffees. Er setzte sich auf einen der Liegestühle, die auf dem Sonnendeck standen, und begann sich zu überlegen, was der Tag wohl hergeben würde. Während er auch immer wieder Blicke auf die Malibu Times warf, erfreute er sich daran, in so einem geräumigen Strandhaus mit eigener Treppe zum State Beach zu wohnen. Neben den gewöhnlichen Nachrichten interessierte ihn der Sportteil der Zeitung besonders, da er mit dem vielen Geld, das er besaß, es waren vermutlich mehrere Milliarden Dollar, sehr gerne auf verschiedene Sportarten wettete. Neben dem Wetten war seine liebste Beschäftigung das Komponieren und Produzieren von Musik. Er legte die Zeitung weg und griff nach der Gitarre, die noch vom Vorabend an der Liege angelehnt war. Er fing an zu spielen und spielte seinen neuesten Song, den Titelsong zu einem Film der bald erscheinen sollte. „Bravo, was für eine wundervolle Melodie!“, rief seine sehr hübsche Nachbarin vom nebenangelegenen Sonnendeck hinüber und auch der Läufer, der in diesem Moment am Strand vorbei lief lobte seine Arbeit. Durch diese morgendlichen Jam Sessions war er in der ganzen Nachbarschaft bekannt und es gab niemanden der ihn nicht ausstehen konnte und kein Mädchen, dem er nicht gefiel. Er war nahezu ein perfekter Mensch, der ein perfektes Leben führte.

Als er die Gitarre wieder an ihren Platz gelegt hatte, ging er wieder ins Innere des Strandhauses und beschloss, zu frühstücken. Wie schon der morgendliche Kaffee,  war auch schon das Frühstück bereitet. Die ganze Küche duftete nach frischem Gebäck, Spiegeleiern und frisch gepresstem Orangensaft. Er setzte sich an den mit feinen Schnitzereien verzierten Holztisch und legte sich eine Scheibe Toast auf den Teller vor ihm. Doch gerade als er den Toast in die Hand nehmen wollte, verspürte er einen Stich und einen darauffolgenden, nicht aufhörenden Schmerz in seinem linken Auge. Er hob die Hand, doch bevor er sein Auge erreichte spürte, er den Metallischen Rand seiner Virtual Reality Brille. Es fiel ihm sehr schwer, die Brille nach oben zu schieben, doch der Schmerz, den das Gerstenkorn verursachte quälte ihn ungeheuerlich. Als er die Brille auf die Stirn geschoben hatte, brauchten seine Augen etwas Zeit, um sich an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen. Als die Umrisse immer klarer wurden, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Er saß auf einem Sessel, der mittlerweile schon mit Spinnenweben überdeckt war, und blickte auf ein verstaubtes Computerterminal. Zu seiner Linken befand sich eine Reihe vollkommen identischer Stühle, deren Ende er in der Ferne nicht mehr sehen konnte. Doch das schlimmste, was er entdeckte waren nicht die Stühle, sondern die vollkommen verfetteten, vollgestaubten Menschen, die auf jenen saßen. Männer, Frauen und Kinder – Sie alle waren in jener Reihe vertreten. Mit angsterfülltem Gesicht wagte er es, seinen Blick auf den Boden vor ihm zu richten. Sein durchtrainierter Körper war verschwunden, seine Muskeln vollkommen verkümmert und in seinem Unterarm steckte eine Nadel, von der mehrere Kabeln und Schläuche zum Computerterminal hinüber liefen. Unter der dicken Staubschicht in seinem Gesicht war nicht mehr zu erkennen, dass er bleich wurde. Er fing an nachzudenken und erinnerte sich, dass er sich im Jahr 2020 für ein VR Experiment gemeldet hatte, doch mehr wusste er nicht mehr. Sollte er aufstehen? Sollte er die anderen aufwecken und fragen wo er war? Entsetzt nahm er seine VR Brille wieder in die Hand und starrte sie an.

Er kratzte sich am Auge und setzte sie wieder auf. Nun saß er wieder so in seinem Stuhl wie Millionen von anderen Menschen. Er war in sein Milliardärs Leben im wundervollen Strandhaus in Malibu zurückgekehrt und hatte bereits wieder vergessen, dass nichts von alledem real war. Beim Aufsetzen der Brille berührte sein Arm jedoch das Computerpanel, das unter einer dicken Staubschicht zeigte:

Jahr: 2068

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