SuSa studiert das Leben

100 Tage Arbeit und noch immer jung

Unser Büro riecht nach Kuchen; ich stehe vorm Flipchart und dehne meinen Rücken.

Ich hatte immer viele Fantasien von dem, was nach der Schule kommen hätte können. Ein Vertrag auf drei Jahre Arbeit in Krems, inklusive zweieinhalbstündigem Anfahrtsweg (ja, ich meine EINE Richtung) war absolut nicht Teil davon. Noch dazu bei einer Forschungsgruppe, und ich hab‘ mich nie als das absolute Science-Girl gesehen. Mein Fazit nach drei Monaten: Mir ist selten was Besseres passiert, als dieser Job.

Aber langsam, langsam – hallo erstmal und danke fürs Vorbei-Schauen!

Heute geht’s bei uns um meine liebevoll so-genannte Hackn, beziehungsweise meine dortigen Anfänge.

Die Hard Facts zuerst.

Was mache ich? Ich arbeite bei einem psychologischen Forschungsprojekt an einer Privatuni in Krems, bei dem es darum geht, Kindern zwischen 9 und 12 zu helfen, Freunde zu finden. Was für euch und diesen Text noch wichtig ist zu wissen: Unter anderem analysiere ich dafür momentan Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen, die über diese Zeit in ihren Leben – also die zwischen 9 und 12 – reflektieren.

Wie zeitaufwändig ist das? Vor der Matura und in den Sommermonaten habe ich von zuhause aus mitgeholfen, im September war ich 40 Stunden die Woche in Krems, ab Oktober nur mehr 10, weil Uni. Prinzipiell geht es aber mehr ums Fertig-Werden als ums Stunden-Absitzen, was natürlich auch heißt, dass immer wieder auch noch im Zug oder zuhause was zu tun ist. (Wer mitgerechnet hat, merkt schon, dass die 100 Tage im Titel nicht ganz hinkommen, es sei mir verziehen.)

Und wie läuft’s? Einige von euch werden zumindest schon Sommer- oder Samstags-Jobs gehabt haben, und grade denen brauche ich nichts vorzumachen. Das kann schon echt anstrengend sein. Das Pendeln heißt für mich, dass ich um fünf aufstehen muss, um gegen sechs zum Bahnhof zu rennen und dort darüber informiert zu werden, dass der Zug wie eh fast immer dreißig Minuten Verspätung hat. Das war an meinem zweiten Arbeitstag zum ersten Mal der Fall; ich habe den Anschluss versäumt und vierzig Minuten in Paudorf gechillt. Wie man sich vielleicht denken kann, steppen in Paudorf nicht gerade viele Bären. Und ich dachte, okay, das war’s, jetzt hauen sie dich dann raus. Und nicht einmal ein Bär steppt dir ein Abschiedslied.

Wenn du weißt, du wirst in einer Arbeit länger als für einen oder zwei Ferienmonate bleibt, stellst du dir plötzlich ganz viele, vielleicht etwas hysterische Fragen: ob dich nicht vielleicht jeder ur nervig findet. Das ist dann gar nicht mehr so irrelevant. Du beginnst dich zu fragen, ob das Essen, dass du dir aufwärmst, stinkt; ob du, wenn deine Chefin vorbeikommt, ein bisschen heftiger tippen sollst, damit du auch ja produktiv wirkst; und wie du die Taste versteckst, die aus deiner Tastatur raushüpft, weil du dann doch etwas zu heftig getippt hast. Und dir fällt auch auf, dass eine Matura ja keine Qualifikation ist, im Vergleich zu einem PHD der Psychologie zum Beispiel. Eine weitere Frage, die sich an dieser Stelle auftut, ist, was machst du hier?

Ich habe ja erzählt – ich analysiere diese Interviews. Das kann man sich so vorstellen: Ich lese sie, markiere wichtige Details und versuche dann ein Model zu erfinden, mit dem zwischenmenschliche Beziehungen von Kindern erklärt werden sollen. Wir kennen ja die Bedürfnispyramide nach Maslow oder diese ganzen Kommunikationsmodelle. In diesem Stil eben. Und seit Anfang September war ich in unserem Team die einzige, die an diesem Modell gearbeitet hat. Das war ein ordentlicher Brocken an Herausforderung. Neue Thematik, neuer Arbeitsplatz, neues Computerprogramm. Neue Leute, die sich zum Großteil ihr Bild von mir erst machen mussten. So viel Neues kann Spaß machen, schon klar, aber es ist gibt da– zumindest für mich – einen kleinen, aber wichtigen Unterschied zwischen neuen Situationen, deren Zweck es ist, dass man etwas Neues ausprobiert und neuen Situationen, die auf lange Frist zur Routine werden sollen. Ersteres erlebst du als neugieriger Mensch wahrscheinlich relativ oft. Letzteres als durchschnittliche Schülerin um einiges seltener. Und der Punkt, an dem ich merke – he, das Neue, das Aufregende, das wird gerade zur Routine – dieser Moment schüchtert mich gerne mal ein. Weil, wenn etwas noch nicht Routine ist, dann kennst du dich damit noch nicht aus. Aber du weißt, es soll Routine werden, also solltest du dich langsam mal auskennen.

Trotz allem hat mir aber nur eines geholfen: Abwarten. Immer wieder gesagt bekommen, entspann dich.

Der Moment, in dem ich mich in Krems ausgekannt habe, hat mich dann mindestens so unerwartet überrascht und überrumpelt, die anfängliche Herausforderung. Plötzlich stehe ich da in diesem Büro, gehe durch die viel zu sauberen Uni-Gänge, höre meine Schritte in die Stille hinein klopfen und merke: Ich weiß was ich ihr tue. Ende September präsentiere ich das Modell und ich merke – ich hab was richtig gemacht. Anfang Oktober stehe ich vor einer neuen Herausforderung, und diesmal freue ich mich voll und ganz darüber.

Jetzt suche ich nach einer Moral um die Geschichte abzurunden. Ich weiß nicht, ob ich eine finden muss. Heute gibt es Kuchen im Büro und viel Gelächter. Ja, da gehör‘ ich jetzt her, denke ich mir, als wir uns alle zur Besprechung in einen Kreis setzen. Im Zug nachhause werde ich endlich den Text drüber fertig schreiben, beschließe ich.

Das war’s so weit von mir und meinem kleinen Einblick in meinen Arbeitseinstieg.

Jetzt seid ihr dran – ich freu‘ mich über Kommentare, Fragen und Themenwünsche!

Man liest sich,

SuSa

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