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Heidis Horror Picture Show

Es gibt ein paar Dinge, die sind so schlimm, dass man am liebsten gar nicht hinschauen will, aber irgendwie tut man’s dann doch. Und Unfälle sind da ein gutes Beispiel. Unfälle im echten Leben, und Unfälle im TV. Jeden Donnerstag im Winter zum Beispiel läuft da ein ganz besonderes Programm auf Pro7. Und eigentlich schaue ich gar nicht so viel fern, aber donnerstags, ab 20.15 Uhr, wenn ich (wie immer eigentlich auf der Suche nach meiner Brille) durchs Wohnzimmer gehe, kommt mir aus dem Fernseher eine Stimme entgegen, die meine Schwester einmal die Woche ganz routiniert an denselben fesselt.

Es beginnt alles immer mit dem Opel Adam. Den kann man gewinnen, wenn man 50€ an Telefongebühren zahlend eine Frage beantwortet, die ungefähr so klingt:

„Was sucht Heidi Klum heute?“

a) Topmodel

b) Tänzerin

c) Rollbraten

Ob die Zielgruppe der Sendung, deren Namen der aufmerksame Leser an dieser Stelle wohl schon erraten hat, diese Frage beantworten könnte, ohne sich anzustrengen, weiß ich nicht. „Letzte Woche war für euch Mädels sehr hart gewesen“, sagt Heidi Klum mit entsetzlich hoher Stimme, „und wir waren jetzt gemeinsam nach LA gereist, denn einige meiner Mädels waren für ein Shooting ausgewählt worden“. Hier bedient sie sich übrigens des Plusquamperfekt-klums, einer besonderen Zeitform, die aufgrund der vielen Silben wohl zeigen soll, dass Heidi nicht nur hübsch und vor langer Zeit auch mal jung gewesen, sondern auch schlau ist. Der Trick funktioniert überraschend schlecht.

Jetzt also sind die – sorry, „Heidis“-Mädels in der Modelvilla in LA, oder irgendeiner anderen Stadt, die 2005 trendy war. In diesem letzten Satz nicht jedes zweite Wort unter Anführungszeichen zu setzen fällt mir schwer. Zum Frühstück gibt es pro Gruppe eine Mango und zwölf Nervenzusammenbrüche. Zwei von drei Mädchen hier haben für’s Modeln entweder die Schule abgebrochen oder ihre Seele Pro 7 verkauft, oder beides. Klar, dass da der Druck, zu gewinnen, groß sein muss.

Heidi Klum kommt angehüpft und schwingt ihre langen, blonden Haare hin und her. Aus irgendeinem Grund trägt sie eine Sonnenbrille. „Hiiii meine Mädels“, sagt sie, schaut dabei den Kameramännern ins Gesicht und wendet hier den Vokativus Possesiv-klum an – wenn Heidi spricht, dann klingt das so, als würde alles ihr gehören. Es sind „ihre Crew“, „ihre Show“ und natürlich auch „ihre Mädels“.

Apropos Crew. An Heidis Seite gibt es dann immer diese zwei Typen. Meistens heißen die Thomas, aber ihre Namen sind eigentlich egal, weil auch sie ihre Seele an Pro7 verkauft haben. Einer muss immer oberschwul, einer immer obercool sein. Letzterer ist schwarz, der andere weiß gekleidet. Irgendwie soll es zwischen den beiden einen Wettbewerb geben, um Heidis Gunst oder so, aber eigentlich interessiert das keinen.

„Normalerweise bist du so nervös“, zwitschert Heidi Klum einer Kandidatin entgegen, nachdem sie sie umarmt hat. Dabei klingt Heidi fast enttäuscht. Das Mädchen – das übrigens so alt ist, wie ich – beginnt hysterisch zu weinen. Bei Pro7 ist jetzt sicher jemand stolz auf Heidi Klum.

„Du musst doch nicht weinen, du verwischst dein ganzes Make-Up“, sagt die Mutter von gefühlt siebzehn Adoptivkindern. Achja, und es heißt „Make-Up“, nicht „Schminke“, bei Heidi Klum. Genauso: „performance“ und nicht „Auftritt“, „body“ und nicht „Körper“,“confidence“ und nicht Selbstbewusstsein  – wobei letzteres den Kandidatinnen ja eh nach und nach von Heidi ausgesaugt wird. „Wir wollen mehr personality sehen“, sagt ein Thomas und Heidi Klum schneidet einer Achtzehnjährigen lachend die Haare ab.

Am Ende kommt das Mädchen dann auf alle Fälle „weiter“. Die Belohnung: Ein Foto von ihr selbst, in Unterwäsche. Beschlossen wird das alles am Ende eines Laufstegs, der Mal mit Wasser, mal mit Lava gefüllt das perfekte Ambiente ist, um den jungen Frauen (um Heidis mega erniedrigende „Mädchen“ mal auszulassen) zu zeigen, dass sich auch breite und ungewundene Wege furchtbar lang anfühlen können.

Einmal pro Staffel setzt sich Naomi Campbell dazu, weil sie sich promoten will. Hin und wieder taucht ein Designer auf, weil er sich promoten will. Irgendwann öffnet auch einer der beiden Männer, die wahrscheinlich Thomas heißen, den Mund, weil er sich promoten will. Der wird dann aber schnell von Heidi übergangen. „Vergesst nicht“, sagt eine dramatische Stimme, die niemand besser imitieren kann als mein Vater nach 30-jährigem Kettenrauchertum, „nur eine von euch kann Germany’s next Topmodel werden“.

Nur eine von euch hat das Zeug dazu. Ist gut genug. Ist hübsch genug. Hat genug personality. (Das ist, wenn du nur kurz weinst, und dir dann von Heidi die schwarzen Locken abschneiden und wasserstoffblond färben lässt).

Ich – im Wohnzimmer – finde gerade meine Brille. „Dass du dir das wirklich anschaust“, sage ich zu meiner Schwester und schüttle den Kopf. „Ja, man kann halt nicht wegschauen“, sagt sie. „Kaufen Sie sich einen Opel Adam“, sagt der Fernseher. Noch ein Mädchen weint und Heidi Klum lacht. Wieso lacht Heidi Klum? Und wieso lacht der gesamte deutschsprachige Raum mit? Wieso lachen wir, wenn sich Menschen, die genauso alt sind wie ich, an einen Fernsehsender verkaufen? Und wie heißen die beiden Typen in weiß und schwarz eigentlich wirklich?

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